Alles begann mit einem Online-Zeitungsartikel über Lego. In den Kommentaren erwähnte ein Leser, dass er vor einiger Zeit die komplette Burg Blaustein aus Klemmbausteinen gebastelt hatte. Ich machte mich über dieses geheimnisvolle Gemäuer kundig und war verloren. Der Fluch des Grafen Blaustein hatte mich mit voller Wucht getroffen.

Tag minus vier
Ich will diesen Moment Tag minus fünf nennen. Mit der Tollkühnheit des Ahnungslosen beschloss ich, mich auf das Projekt Burg Blaustein einzulassen. Ich recherchierte, kam dahinter, dass die Burg mit allen Erweiterungen inklusive des noch nicht erschienenen Münzturms aus schlappen 26.387 Steinen besteht und dachte mir naiv: „Super, da hast du in deiner nagelneuen Pension wenigstens etwas zu tun.“ Immerhin habe ich ja als Kind viel mit Lego gespielt und kann immer noch einen 1x1-Stein von einem 4x2er unterscheiden! So etwas vergisst man auch in 50 Jahren nicht.
Begeistert ging ich zu Bett und träumte von glorreichen Tagen als Burgherr, die da kommen würden.

Tag minus drei
Nach einem wie üblich späten Erwachen - Journalisten sind da verdorben, ich habe Zeit meines Lebens erst ab Mittag und dafür bis spät abends gearbeitet – schritt ich zur Tat, registrierte mich beim Hersteller und bestellte vorerst einmal die Kernburg und den Bergfried.

Tag minus zwei
Die Sendungsverfolgung sagt, das Paket sei verschickt worden und befinde sich auf dem Weg von der Versendezentrale in Regensburg ins nicht gar so ferne Österreich. Ich nutze den Tag, erwerbe im Baumarkt eine Grundplatte aus Leimholz, eine riesige Aufbewahrungsbox samt Deckel und unzählige kleine Plastikdosen für das grobe Sortieren der Teile. Meine Erfahrungen mit Lego, die ich in der Kindheit gesammelt habe, werden plötzlich präsent und ich erinnere mich daran, wie praktisch eine große Holzkiste mit vielen verschieden großen Fächern doch war, die mir ein Onkel selbst geschreinert hatte.
Die Plastikdosen bekommen alle einen Deckel. Mit acht Katzen im Haus, die nur zu gerne beim Heimwerken „helfen“, eine unumgängliche Vorsichtsmaßnahme.

Tag minus eins
Das Paket ist unterwegs, am Abend trifft es im Paketzentrum der Post in Graz ein. Die Vorfreude ist groß.
Tag null
Gegen meine Gewohnheit krieche ich früh aus den Federn – nun ja, es war kurz nach acht Uhr, und klicke beim ersten Kaffee ungeduldig auf die Paketverfolgung. Nichts.
Gefühlte 20 Klicks später stelle ich erleichtert fest, dass es soeben in den Zustellwagen verladen wurde. Es ist 8:55 Uhr.
Das Warten wird zu Geduldsprobe. Es wird 11 Uhr, es wird 12 Uhr, es wird 13 Uhr – nichts. Ich frage mich, ob das Paket auf den letzten Metern verlorengegangen ist. Es wird 14 Uhr – immer noch nichts. Ich lege mich zu einem Nickerchen hin, mein perfekter Tagesablauf war ja immer „spät aufstehen und anschließend ausruhen“. Als ich nach unruhigem Dösen um 16:20 Uhr erwache, sagt die Sendungsverfolgung, dass das Paket um 14:35 zugestellt wurde. Ich stürze vor die Haustür und tatsächlich steht dort der Karton mit meiner Burg! Der Mann von der Post hatte wieder einmal keine Zeit zu klingeln.
Mit Bauen wird das heute nichts mehr. Ich habe nämlich Hochzeitstag und ich bin zwar mutig, aber kein Selbstmörder.
Aber einen Blick in das erste Set riskiere ich. Ich breite 12 große Plastiktüten – bei uns in Österreich heißt das Sackerl, aber da meine Frau aus Norddeutschland kommt, beherrsche ich eure Sprache – auf meinem Schreibtisch aus. Als ich die schiere Anzahl der Bausteine sehe, entfährt mir ein „Was habe ich getan?“. Meine Frau kommt ins Zimmer und fragt besorgt, ob etwas passiert sei. Als ich zu einer Erklärung ansetze, schüttelt sie den Kopf, seufzt „Männer“ und zieht wieder ab. Ein Glück, denn wie erklärt man so etwas.
Ich packe die Tüten wieder in den Karton und mache mich schick. Am Abend ist nämlich ein Besuch in einem Sternerestaurant angesagt. Nach fünf exzellenten Gängen kommen wir gegen 23 Uhr wieder heim. Beim Bezahlen rutscht mir fast ein "Um das Geld hätte ich ja anderthalb Erweiterungen bekommen" heraus, ich schlucke die Bemerkung hinunter. Ein kluger Mann weiß, wann er besser schweigt. An Bauen ist schon deshalb nicht zu denken, weil ich so pappsatt bin, dass ich schon froh bin, ohne fremde Hilfe auf dem Sofa liegen zu können.
Ich genehmige mir noch einen Verdauungsschnaps und gehe zu Bett. Mein Schlaf ist unruhig, aber Kater Aramis und Katze Viola schnurren mich immer wieder in den Schlaf.

Was habe ich getan?
Fortsetzung folgt...